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Das soziale Umfeld und die Trauer

 

Es ist wohl eines der schlimmsten Dinge, wenn nicht das schlimmste überhaupt, was uns geschehen ist, uns Eltern von Sternenkindern: Wir haben unser Kind verloren. Der Kreislauf des Lebens, seine Logik und sein Verstand hat sich für uns umgekehrt und damit unser eigenes Leben völlig durcheinander gebracht, zertrümmert und auf den Kopf gestellt.

Es ist nicht nur die Trauer, die uns fortan verändert, sondern auch eine völlig andere Einstellung zum Leben. Wir empfinden anders, wir denken anders, wir verhalten uns anders. Weil wir anders geworden sind. Weil für uns ALLES anders geworden ist. Selbst die einfachsten, banalsten Dinge scheinen nicht mehr dieselben zu sein. Kaffee schmeckt anders als zuvor, die Sonne scheint anders als zuvor und Regen fühlt sich völlig anders an als vorher.

Für viele unserer Mitmenschen ist das in der Regel überhaupt nicht begreifbar.

Uns Sternenkindeltern ist etwas furchtbares widerfahren. Alleine mit dem Schock, mit dem Unbegreiflichen, dem Schmerz, der Trauer und der Verzweiflung umzugehen, wäre für uns wohl eine Aufgabe fürs Leben. Diese Schwierigkeiten alleine würden ausreichen, um uns Wochen und Monate in Atem zu halten. Die Narben in unseren Herzen sind tief.

Doch statt Hilfe und Verständnis, Anerkennung, Trost und Mitgefühl zu bekommen, stossen wir in allzu vielen Fällen innerhalb unseres sozialen Umfeld erschreckend schnell und oft auf Unverständnis, Ablehnung und - bestenfalls - Gleichgültigkeit.

Diese Tatsache ist es, die den Trauerprozess mit so schwierig gestaltet. Es gibt wohl viele verschiedene Gründe, dass dem so ist und warum sich das Umfeld so - seien wir doch mal ehrlich: besch... - verhält. Zum einen wäre da wohl ein gesellschaftliches Problem: Die Tabuisierung des Thema Todes. Zwar sehen wir in allen Formen und Farben im alltäglichen TV-Dickicht etliche Formen von Todesfällen - aber nur der damit verbundene Schrecken und das adrenalinsteigernde Gefühl von Angst und Sensationsgier sind es, die für uns und die Medien interessant sind.

Was der Tod wirklich auslöst, was er bedeutet - das interessiert uns nicht. Vielmehr erschreckt es uns. Es wirft einen Schatten in unsere so heile und sich so sicher anfühlende Welt. Einen Schatten, den wir nicht haben wollen. Wurden Tote früher noch aufgebahrt und manchmal sogar fotografiert, so geschieht Sterben heute wortwörtlich im “stillen Kämmerlein”, einsam und allein und mit so wenig “Aufmerksamkeit” wie nur irgend möglich.

Der Tod macht uns Angst. Er passt nicht in unsere Gesellschaft, eine Anti-Aging-Gesellschaft, eine “Lucky go Happy” und “Nichts ist unmöglich”-Gesellschaft, die weder das Alter, noch Kummer oder Sorgen mag und sie nur zu gerne weg ignoriert und so tut, als seien sie nicht vorhanden.

Früher gab es regelrechte Totenrituale. Der Tod gehörte für unsere Vorfahren zum Leben dazu, unweigerlich. Er beendete es, war aber trotzdem Bestandteil davon. Es wurden Totenfeiern, Totensänge, Totenriten abgehalten, in die selbst die kleinen Kinder schon vollkommen selbstverständlich mit einbezogen wurden. Heute halten wir uns von all dem gerne fern. Wir schaffen es gerade noch so, auf Beerdigungen zu gehen. In Großstädten verwildern die Gräber auf den Friedhöfen und immer mehr Menschen werden in anonymen Sammelgrabfeldern bestattet. Nein, der Tod passt nicht mehr in unser Leben.

Und dann stirbt da auch noch ein Baby. Das ist noch einmal doppelt schwierig. Das wurde selbst früher, als man mit Todesfällen noch ganz anders umging, gerne weg ignoriert und verdrängt. Vielleicht war es für unsere Großmütter tatsächlich einfacher, sich einzureden, dass das ja noch gar kein rechtes Leben gewesen sein, weil sie es anders nicht ertragen hätten. Weil so viele dieses Schicksal aufgrund der viel schlechteren medizinischen, sozialen und hygienischen Bedingungen ereilte.

Wir sind noch zusätzlich mit dem Problem konfrontiert, dass niemand sehen will, dass Babys wirklich sterben. In meiner Kinderwunschzeit musste ich erkennen, dass wir in einer echten “Machbarkeits-Wahn-”Gesellschaft leben. In der man denkt, dass einfach alles mach-bar ist. Wie oft wurde mir gesagt, ich habe keinerlei “Recht” traurig zu sein, dass ich nicht schwanger werde, ich müsse mich “einfach nur” künstlich befruchten lassen und schon wäre die Sache “paletti”. Dass es so einfach bei weitem nicht ging, das wollte kaum jemand sehen. Wir wiegen uns doch so gerne in dem Glauben, dass alles machbar und somit auch alles vermeidbar ist.

Als ich ins Krankenhaus kam, reagierten einige Menschen aus meinem sozialen Umfeld mit für mich fast lächerlicher Ruhe : “Du bist ja jetzt im Krankenhaus, da kann dir doch nichts mehr passieren. Die Ärzte hier kennen sich aus, die wissen, was zu tun ist.” Ich jedoch konnte Eins und Eins zusammenzählen und war mir bewusst, dass selbst das beste Krankenhaus mit den weltbesten Ärzten nicht in der Lage ist, Wunder aus dem Hut zu zaubern und Katastrophen zu vermeiden, wenn sie denn passieren sollen.

Wir wollen die Kontrolle nicht verlieren.

Doch genau DAS ist uns geschehen. Unser Umfeld erkennt das - und es macht ihm Angst. Es macht ihm Angst, dass in unserer Welt tatsächlich BABYS STERBEN, ohne dass irgendjemand etwas verhindern kann. Viele Menschen können nicht umhin, dafür krampfhaft jemanden zu suchen, der die Schuld trägt - Ärzte, Schwestern, Hebammen, man selbst... Auch wir erliegen manchmal dieser Verführung und geben Jahre und Monate darauf hin, den Schuldigen zu suchen. Aber unsere Kinder macht das nicht lebendig. Natürlich ist es gut, andere vor fahrlässigem Verhalten zu schützen.

Und doch ist die Suche nach dem Schuldigen oft einfach nur das Nicht-Akzeptieren-Wollen der Tatsache, dass Unglück manchmal “einfach so” über uns hereinbricht, ohne sich vorher anzukündigen oder von irgendjemandem oder irgendetwas “iniziiert” zu werden.

Diese Tatsache, dass wir alle in jeder Sekunde unseres Lebens offenbar nur haarbreit am Abgrund wandeln, macht Angst. Und diese Angst wollen viele Menschen nicht.

Wir verkörpern diese Angst für sie. Wir halten ihnen regelrecht den Spiegel vor. Was tun sie? Sie rennen davon. Und geben uns manchmal sogar die Schuld dafür, ihnen diesen Spiegel vorgehalten zu haben. Wir merken, dass wir unseren Freunden und Verwandten plötzlich “unangenehm” sind, dass sie in unserer Gegenwart ein deutliches Unbehagen zeigen, so als hätten wir die Pest oder Cholera.

Viele wissen aber auch einfach nicht, wie sie sich verhalten sollen. Einige Menschen, die ein offenes Herz haben und denen wir genug bedeuten, dass sie sich der Angst, die mit uns unweigerlich verbunden ist, stellen, wissen manchmal trotzdem nicht, was tun oder lassen.

Da kann es hilfreich sein, ihnen Seiten aus Büchern zu kopieren, in denen steht, wie man sich uns gegenüber am Besten verhält. Oder sie einfach darauf anzusprechen.

Aber ich will ehrlich sein - bei den meisten ist das vergebene Liebesmühe. Sie werden die Texte nicht lesen oder wenn doch, nicht begreifen. Auch wenn da noch so dick unterstrichen stehen mag: Bringen Sie den Trauernden etwas zu Essen vorbei - sie werden es nicht tun, weil sie den Umgang mit euch scheuen.

Nach einigen Wochen oder gar Monaten stellt sich oft jedoch noch ein weiteres Problem ein: Für alle anderen ist der Schmerz und der Schock längst verklungen. Wir haben festgestellt, dass jeder seine eigene Zeit hat, bis dem so ist. Aber eines bleibt bei allen Menschen gleich: So bald sie selbst innerlich über das Geschehene “hinweg” sind, erwarten sie automatisch dasselbe von uns. Auch wenn wir als Eltern so viel mehr betroffen sind und NIEMALS darüber hinweg kommen werden, jedenfalls nicht völlig - sie setzen stillschweigend voraus, dass unsere Trauer, unser Entsetzen usw. die gleiche Halbwertszeit hat wie die ihre.

Bei manch einem ist diese schon nach einer Woche überschritten, bei anderen nach einem halben Jahr, aber: immer wird sie schneller vorbei sein als bei uns, denn: Unsere Trauer wird NIEMALS enden. Und das ist etwas, das niemand begreifen kann und will. Viele denken, das, was wir da gerade durchmachen, kann wie eine Erkältung ausgeschwitzt werden.

Eine Bekannte sagte mir einmal, sie stelle sich vor, wir säßen jetzt sicher den ganzen Tag zu Hause, tränken Tee, würden uns in eine Decke hüllen und trauern, bis wir irgendwann mal “fertig” wären... Wie weit das von der Realität entfernt ist, brauche ich wohl keinem Menschen, der schon einmal ähnliches durchgemacht hat, erzählen.

Die oben genannte Vorstellung ist übrigens auch oft der Grund, der von vielen Menschen als Erklärung für nicht erfolgte Anrufe oder Kontaktversuche genutzt wird.

Sehr schnell findet man sich so in einer Situation der Isolation und Einsamkeit. Das gesamte soziale Umfeld scheint sich zu verändern. Gute Freunde werden plötzlich die größten Holzhacker und Egoisten der Welt. Sie verhalten sich derart unmöglich, dass es einem den Atem verschlägt. Die eigene Familie, für die man Hände und Füße ins Feuer gelegt hätte, wird plötzlich zu den größten Ignoranten der gesamten Weltgeschichte und bringt einen “Bringer” nach dem anderen.

Nur wenige stechen aus dem Kreis der Menschen hervor, die sich unmöglich verletzend verhalten, nur wenige schaffen es, ihre Angst und ihre Ablehnung zu überwinden und sich begreiflich zu machen, dass man Freunde und Familie genau in jenen Momenten ganz besonders braucht und es nun nicht gerade der rechte Zeitpunkt ist, den Schwanz einzuziehen und sich seiner eigenen heilen Welt zu widmen.

Das sind die Menschen, die man anrufen und auch noch nach Wochen mit ihnen über dieses EINE Thema sprechen kann. Wir müssen immer und immer wieder darüber sprechen! Nicht weil wir irgendjemanden “nerven” wollen, sondern weil das, was uns geschehen ist, so unbegreiflich ist, dass es nur durch das wiederhole Erzählen nach und nach “begreiflich” wird... und wir es fassen und verstehen und verarbeiten können.

Doch wer ist dazu schon bereit?

Schon nach wenigen Tagen oder Wochen will niemand mehr unsere Geschichte hören. Wenn wir das Gespräch auf unsere Sternenkinder lenken, wird entweder ganz unverschämt und unsensibel sofort das Thema gewechselt. Beispiel: “Ich habe heute neue Blumen auf das Grab gebracht.” ... Reaktion: “Achso, ja... übrigens, findest du nicht, dass das Auto da drüben viel zu gelb lackiert ist?”

Dass wir nicht sofort und auch später nicht immer über “alltägliches” sprechen oder gar Erzählungen über Banalitäten zuhören können, wird oft als Beleidigung gewertet. Niemand ist in der Lage zu begreifen, dass wir dies nicht tun, weil wir irgendjemanden “beleidigen” wollen oder zu Egoisten geworden sind, denen der Rest der Welt egal ist. Nur sind unsere Köpfe und Herzen so voll, in uns herrscht ein derartiges Chaos, dass wir einfach nicht aufnahmefähig sind - auch wenn wir es gerne wären.

Das ist ohnehin ein weiterer Punkt: In vielen Punkten wird uns von unserem Umfeld das Gefühl gegeben, wir selbst hätten uns zu diesem oder jenem Gefühl, Verhalten oder dieser oder jener Situation bewusst ENTSCHIEDEN. Wenn wir einen schlechten Tag haben, wird uns gerne das Gefühl vermittelt, wir müssten uns morgens schlichtweg nur ENTSCHEIDEN, einen GUTEN TAG zu haben und schon hätten wir auch einen.

Dem ist nicht so. Unsere Trauer macht Dinge in und mit uns, die wir selbst nicht verstehen. Manchmal wehren wir uns mit Händen und Füßen dagegen. Wir wollen ja selbst, dass es uns wieder gut geht - wir würden uns selbst so sehr wünschen, alles wäre wieder “normal”. Aber wir begreifen auch, dass dem nicht so ist. Die Trauer löst Dinge und Gefühle in uns auf, die sich allem Einfluß von uns entziehen. Wir haben keine Entscheidungsgewalt darüber.

Trauer ist nicht an- und ausschaltbar wie ein Knopf, und ebenso wenig sind es ihre Begleiterscheinungen. Es gibt Tage, an denen schaffen wir es kaum, aufzustehen. Es gibt Tage, an denen geht das richtig gut. Aber ob heute so ein Tag ist, das wissen wir nicht. Wir können uns weder für das eine noch für das andere entscheiden.

Wir sind NICHT SCHULD an unserer Situation. Die Situation wird nicht besser dadurch, dass wir uns “zusammenreißen”, die “Zähne zusammenbeißen” oder “uns sammeln”.
Diese Sprüche sind es, die uns manchmal eine solche Wut bekommen lassen, dass wir nicht wissen, wohin damit.

Es ist wirklich stark, mit was wir Sternenkindeltern uns neben unserm Schmerz und unserer Trauer noch herumschlagen müssen. Reaktionen aus unserem sozialen Umfeld, die uns unendlich verletzen, sprachlos machen, sind keine Seltenheit.

Wir verlieren viele Freunde und manchmal müssen wir uns sogar vollständig von unseren Familien lossagen, da sie uns einfach nicht mehr gut tun und mit Scheuklappen durch die Welt laufen, von uns verlangen, wieder die “Alten” zu sein, ohne zu begreifen oder das auch nur zu versuchen, dass es die “Alten” niemals (!!!) wieder geben wird.

Eines ist jedoch in all dem tröstlich: Es gibt immer wieder Menschen, denen wir auf diesem Weg begegnen, die anders sind. Die uns zeigen, dass sie nicht vor uns davon laufen, nur weil wir ihnen jetzt zu “anstrengend” geworden sind. Die uns weiterhin so nehmen, wie wir sind. Und nicht nur mit der Schokoladenseite.

Zum anderen ist es tröstlich zu wissen, dass es allen Sternenkindereltern so geht. Wir sind also nicht “unnormal”, sozial “unfähig” oder trauern gar “übermäßig” - wir sind einfach so wie wir sind. Und so sind wir gut und richtig.

Niemand, dem nicht dasselbe oder ähnliches widerfahren ist, kann begreifen, was wir meinen. Aber wir finden in Gleichgesinnten Halt und Verständnis.

Hier dennoch einige Tips, die helfen können, mit Freunden und Familien besser klar zu kommen und ihnen ein wenig Hilfe zu geben, wie sie sich in dieser schwierigen Situation verhalten könnten:

 

Was hilft:

- Da sein und zuhören. Wir müssen unsere Geschichte immer und immer wieder erzählen dürfen. Auch noch nach MONATEN oder JAHREN!

- Nachfragen. Den Namen unseres Kindes nennen. Ihr könnt keine Wunde aufstochern. Die Wunde ist immer da.

- Praktische Hilfe leisten, vor allem in den ersten Tagen und Wochen nach dem Verlust. Vor allem für Essen sorgen, denn in der akuten Trauer klappt es nicht zu kochen! Nicht darauf bestehen, dass wir gemeinsam mit euch essen - einfach mal einen Topf Suppe, einen Kuchen, Wurst und Brot usw. vorbeibringen. Diese Form der Hilfe wird oft unterschätzt, ist aber zu Beginn essentiell wichtig und auch für all jene Menschen im Umfeld, die sich “hilflos” fühlen, eine gute Chance, zu helfen, ohne zu “emotional” werden zu müssen (was natürlich schwer ist: schließlich ist das Thema nunmal emotional)

- Kleine Aufmerksamkeiten können Worte und direktes Da-Sein nicht ersetzen, aber sie zeigen: Ich denke an Dich. Wir freuen uns auch noch nach Monaten über Karten, Blumen oder kleine Geschenke, die von Herzen kommen und sich auf unser Sternenkind beziehen.

- Das Sternenkind mit in die Familie einbeziehen. VON SELBST DARÜBER SPRECHEN. An Geburtstagen, Weihnachten, Ostern daran denken! Wichtige Termine nicht vergessen - Entbindungstermin, Todestag usw. Vielleicht eine Karte schreiben, ein Gedicht, ein paar Blumen vorbeibringen oder ans Grab legen!

- Ans Grab gehen und dort etwas hinterlegen (Blumen, Figürchen) oder Kerzen anzünden, um den Eltern zu zeigen: Ich denke an euer Kind. Ich habe es nicht vergessen! Auch euer Kind bekommt etwas von mir - auch wenn es nicht mehr bei uns sein darf. Es gehört dazu. Besonders innerhalb der Familie oder dem innigsten Freundeskreis ist das wichtig.

- Falls Paten benannt wurden: Für Sternenkindereltern sind diese auch Paten, wenn das Kind tot ist! Und es tut ihnen gut, wenn sich diese Menschen dann auch genauso verhalten und TROTZ der Tatsache, dass ihr Patenkind nicht quietschend auf ihrem Schoss sitzt, weiterhin zu dieser besonderen Verbindung stehen, die ihnen seitens der Eltern zugesagt wurde. Einem lebenden Kind würden sie auch etwas an Weihnachten oder dem Geburtstag schenken. Sternenkindeltern tut es sicher gut, wenn sie dies bei dem Sternen-Patenkind ebenso tun - und sei es nur eine kleine Rose auf dem Grabfeld oder eine liebevolle Karte, die man den Eltern überreicht. Zur Patenschaft stehen!

- Nicht drängen, dass es uns wieder besser geht. Auch nicht, wenn ihr selbst schon längst das Gefühl habt, dass es “dazu mal Zeit würde”, weil eure persönliche Einschätzung der Zeitspanne, die “angebracht” wäre schon längst vorbei ist. Eure Einschätzung ist die eure und meist Welten von der Realität der trauernden Eltern entfernt. Mit Drängen gebt ihr uns nur das Gefühl, dass “etwas nicht mit uns stimmt” und dass ihr uns nicht so nehmen könnt, wir wir nun einmal gerade sind. Unsere Welt formiert sich neu, wir haben keinen Einfluss auf das, was mit uns in uns geschieht. Uns kostet es genug Kraft, jeden Morgen wieder aufzuwachen mit dem Wissen darum, dass unser Kind für den Rest unseres ganzen Lebens TOT sein wird. Gebt uns nicht das Gefühl, das alles sei “nur halb so schlimm”. Es IST schlimm. Und es wird immer schlimm bleiben.

- Nicht eine erneute Schwangerschaft als Wiedergutmachung betiteln! Selbst wenn unserem Sternenkind noch ein lebendes Kind folgen sollte - dieses Kind wird unser Sternenkind NIEMALS ersetzen. Unser Sternenkind wird uns IMMER fehlen, auch ein “neues” Baby wird daran nichts ändern. Wir werden uns nach Jahren trotzdem fragen, wie es unserem Sternchen nun wohl in der Schule gefallen würde, ob es schon den Führerschein hätte, verheiratet wäre oder wir Enkel von ihm geschenkt bekommen hätten. Unsere Wunde wird NIEMALS heilen, auch nicht durch eine erneute Schwangerschaft und ein Folgekind!

- Gebt uns nicht das Gefühl “seltsam” zu sein. Akzeptiert, dass wir nicht wieder die “Alten” werden. Unser Leben ist maßgeblich erschüttert worden und in den ersten Wochen und Monaten nach dem Verlust stehen wir vor einem regelrechten Trümmerhaufen. Wir wissen manchmal nicht, wo oben oder unten ist. Und das sind NORMALE Gefühle, sie sind nicht “seltsam” oder “krankhaft”. Man kann sie nicht mit Besuchen bei Ärzten oder Psychologen weg”doktern”.

- Nicht all unsere Reaktionen persönlich nehmen. Wir reagieren nicht so wie vorher und in den ersten Monaten nach dem Verlust sind unsere Reaktionen manchmal vielleicht wirklich ein wenig “verstört”. Auch wenn nicht immer zeigen, dass wir uns freuen oder zurück scheuen - es hat nichts mit euch zu tun! Es kommt darauf an, was für einen Tag wir haben, wie wir uns fühlen. Und auch wir sind oft unsicher, wie wir uns denn nun euch gegenüber verhalten sollen. Wir haben Angst, zurückgewiesen zu werden, weil wir euch überfordern. Bedenkt eines: Wir Sternenkindereltern machen in den ersten Wochen und Monaten nachdem unser Kind gestorben ist, ständig die Erfahrung, nicht verstanden und angenommen zu werden. Irgendwann werden wir vorsichtig gegen alles und jeden, der von außen kommt. Geht trotzdem auf uns zu - wir sind dankbar, auch wenn wir es nicht immer so zeigen können, wie wir das gerne würden!

- Grundlegend gilt: Wir BRAUCHEN Trost. Wir BRAUCHEN Beistand. Wir nehmen niemandem nicht-getane Dinge, Gesten, Zuwendungen nicht übel, weil wir “beleidigt” sind, sondern weil wir euch brauchen!

 

Was weh tut:

- Auf Abstand gehen.

- Offensichtlich darauf warten, dass man wieder “normal” wird.

- Uns das Gefühl geben, wir seien “komisch” oder “seltsam”. Wir sind in Trauer und versuchen irgendwie, diesen Verlust zu überleben... dies sind nun einmal (auch über Monate hinweg) Ausnahme- und Extremsituationen.

- Nichts von unserer Geschichte hören wollen. So tun als sei nichts weiter geschehen. Ignorieren. Verdrängen.

- Drängen, dass es uns besser geht.

- Unsere Gefühle oder Reaktionen be- oder gar VERurteilen. Nehmt uns bitte einfach so wie wir sind.

- Uns unsere Elternschaft absprechen. So tun, als sei das Kind ja noch “gar kein” Kind gewesen. FÜR UNS WAR ES DAS - egal, wann es gestorben ist. Nur weil IHR es nicht gesehen und erlebt habt, heißt das nicht, dass es nicht UNSER KIND ist und war. Ein Kind ist nicht erst dann ein Kind, wenn es 10 Jahre spielend und lachend unter euch geweilt hat!

- Wichtige Tage vergessen, wie Entbindungstermin, Todestag usw. Wenn ihr euch nicht sicher seid, wann diese Tage genau sind: FRAGT NACH, wir geben euch gerne Antwort!

- Schuldzuweisungen: Uns das Gefühl geben, wir sind SCHULD an allem.

- Aufmuntern wollen - Aufgesetzte Fröhlichkeit.

- Ablenken oder Thema wechseln, wenn wir von unserem Sternenkind oder unseren Gefühlen sprechen.

- Uns ignorieren, nicht mehr zu Feiern einladen, um uns zu “schonen”. Fragt uns einfach, ob wir wollen und können. Falls wir nicht in der Lage sind, werden wir euch das sagen. Aber von Anfang an isoliert zu werden, tut weh!

- Abwesenheit: Über Wochen und Monate nicht melden und dann behaupten, zu viel “Stress” gehabt zu haben. Wenn ihr euch nicht anzurufen traut, dann schreibt uns eine E-Mail oder Karte. Sprecht mit uns über eure widersprüchlichen Gefühle und Ängste. Wir können eure Angst verstehen und nehmen sie euch nicht übel. Aber wenn ihr euch in Schweigen und Ablehnung hüllt, tut ihr uns einfach sehr weh!

- Schönreden: Uns irgendwelche “Vorteile” unserer Situation vorbeten (“Sei froh, dass es so früh war...” “Vielleicht ist es besser so...”). Wir sehen das, was uns geschehen ist, nicht nur schwarz und als furchtbares Unglück. Der Boden, auf dem der Trümmerhaufen unseres Lebens liegt, ist für uns durchaus fruchtbar. ABER grundlegend gibt es nichts “gutes” daran, dass unser Kind gestorben ist!

- Vergleiche ziehen. Uns von anderen Schicksalen erzählen, von Menschen, die es vermeintlich noch viel schlimmer getroffen hat (“sei froh, bei dir war es nur die 21. SSW, ich kenne jemanden, bei dem war es in der 25.SSW, wie schlimm muss das wohl sein???” ... “Sei froh, dass es noch nicht gelebt hat, dann wäre es ja noch viel härter”). Unser Schicksal ist hart - mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Wir Sternenkindereltern machen untereinander keine Unterschiede. Unsere Kinder sind tot. Es ist egal, wann sie gestorben sind. Mit ständigen Vergleichsbeispielen gebt ihr uns nur das Gefühl, unsere Trauer sei nur “halb so schlimm”.

- Provozieren: Uns von anderen erzählen, die vermeintlich soooo viel “tapferer” waren. (“Ich kenne eine Frau, die hat ihr Kind im achten Monat verloren und ist sofort wieder arbeiten gegangen. Und du bist immer noch zu Haus.” ... “Ich kenne jemanden, der hat sein Kind an SIDS verloren und niemals geweint deshalb. Und du weinst nach fünf Wochen immer noch über ein Kind, das nichtmal geboren war.”)

- Herabwerten: So tun, als hätten wir kein Kind geboren. Ab der 12. SSW werden in Deutschland meist keine Ausschabungen mehr vorgenommen. Die Mütter GEBÄREN ihr Kind - mit allem, was dazugehört. Sie haben Wehenschmerzen, sie haben Wochenfluss, ihnen schießt meist sogar die Milch ein. Sie erleben eine schmerzhafte, traumatische Geburt, die sich in Nichts von anderen unterscheidet - außer darin, dass die bittere Wahrheit jene ist, dass sie am Ende nicht mit einem duftenden, rosigen Baby und überschäumendem Glücksgefühl für ihre Qualen belohnt werden.... Auch wenn ihre Kinder vielleicht kleiner waren, so bedeutet dies nicht, dass die Geburt schmerzfrei war oder keine “richtige Geburt”!!!

 

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