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Ein Zeichen setzen für die Würde
Die Klinikaktion der Schmetterlingskinder

 

Als ich im Krankenhaus lag und mir klar wurde, dass mein Baby nicht zu retten ist, lief ein fast automatisches Procedere in mir ab - ich versuchte mir darüber klar zu werden, was ich nicht vergessen durfte, was mir wichtig war. Ich hatte durch meine erste, frühe Fehlgeburt und die Kommunikation im Kinderwunschforum der Schmetterlingskinder schon das ein oder andere Schicksal, das nun dem meinen ähnelte, zumindest vom Lesen her miterlebt und wusste, dass es ganz wichtig war, nun nichts zu vergessen. Wie wichtig es wirklich war - das war mit zu diesem Zeitpunkt nicht einmal im Prozentsatz klar. Und doch versuchte ich instinktiv das richtige zu tun.

Dass mein Kind beerdigt werden sollte, war einer meiner ersten Gedanken. Dass ich es sehen, halten und mich in Ruhe verabschieden wollte, die nächste dringliche Forderung. Und direkt danach kam das Bedürfnis, mein Kind zu bekleiden. Ich wollte ihm unbedingt einen dieser warmen, weichen, wundervollen Strampler anziehen, die ich ihm voller Liebe ausgesucht hatte. Die doch nur darauf gewartet hatten, ihn zu umhüllen. Wenn auch nicht so. Dennoch - es war doch mein Baby, er musste es warm und weich haben!

Nun waren all diese Strampler natürlich um so vieles zu groß. Was also tun? Ich bat meine Familie, mir auszuhelfen. Ich bat sie, den Strampler umzunähen. Egal wie - egal! Hauptsache, ich konnte mein Kind darin einwickeln, es warm und weich betten.

Erst als Colin auf der Welt war, wurde mir klar, dass meine Familie nicht reagiert hatte. Warum? Ich weiß es nicht. Paralysiert, ratlos... oder einfach nicht berührt genug, nicht bereit, sich in meine Lage hinein zu versetzen, in den ganz natürlichsten aller menschlichen Impulse, nämlich den einer Mutter, die ihr Kind einfach nur einwickeln und warm halten möchte. Auch wenn es tot sein und nichts mehr spüren mag.

Wir bekleiden doch auch unsere “großen” Toten. Was für ein Aufschrei würde durch die Gesellschaft gehen, wenn wir unsere Väter und Großväter einfach nackt in ihren Sarg legen würden! Mit Recht! Es ist ein Zeichen der Würde, Menschen zu bekleiden. Auch auf ihrem letzten Weg! GERADE auf ihrem letzten Weg.

Ich lag also in meinem Krankenhausbett, kurz nach der Geburt, hielt meinen kleinen, winzigen, wunderschönen Sohn in meinen Armen - und hatte nichts, um ihn zu bekleiden. Man brachte mir auf meine Bitte hin eine Mütze von der Frühchenstation. Aber mehr konnte man nicht tun. Und selbst die kleinste Mütze von der Station war doch noch viel, viel zu groß für dieses kleine Köpfchen und rutschte meinem kleinen Sohn immer wieder über Augen und Nase.

In mir stieg Panik auf, als ich daran dachte, mein süßes, winziges Baby so nackt und ungeschützt abzugeben und auch zu begraben. Doch was tun? Die Hebamme schlug mir Puppenkleidung vor. Doch es war Sonntag. Woher nun noch Puppenkleidung besorgen? Irgendwie fiel mir ein, dass meine Mutter eine Künstlerpuppe besaß, die wiederum selbst ein winziges Püppchen in der Hand hielt. Und dieses Püppchen trug ein durchsichtiges Rüschenkleid aus einem groben Organzastoff.

Alles in mir sträubte sich gegen den Gedanken, meinen SOHN in einem rüschenartigen Organzastoff, durchsichtig, dünn - zu begraben. Doch besser als nichts!

Also ließ ich mir das Kleidchen bringen - glücklicherweise reagierten meine Eltern sofort und brachten es mir auf der Stelle. Ich kleidete meinen Sohn an, doch sein Geschlecht war nicht bedeckt.

Diese Tatsache will mir bis heute nicht aus dem Kopf. Mir wurde klar, dass viele Eltern keinerlei Kleider zur Verfügung haben. Und diese Vorstellung ließ und ließ mich nicht los. Wenn doch nur jeder von uns jeden Monat ein Kleidchen nähen, stricken oder häkeln würde. Jeder, der selbst schon einmal ein Kind hat hergeben müssen. Ein Kleidchen produzieren und ins Krankenhaus bringen, um einem anderen Kind dasselbe Schicksal zu ersparen.

Das war der Grundgedanke.

Ich sprach eines Tages mit den Frauen vom Frauenworte-Verein über das, was mir geschehen war. Und meinte: Vielleicht sollten wir das mal im Forum ansprechen? Und sie sagten: Auf jeden Fall.

Innerhalb weniger Tage schlug dieser Vorschlag Wellen, die niemand erwartet hatte. So viele Frauen beklagten dasselbe Schicksal wie ich. Hatten ihre Kinder nackt oder nur spärlich bekleidet aus den Händen geben müssen. So ganz gegen die Natur. So ganz gegen das Herz. So ganz gegen jede Würde.

Und schnell war klar: Zusammen wollten wir das ändern.

So entstand in weniger als einem Monat eine gut durchdachte Klinikaktion. Bald schon hatte ich in Michaela Muno, die ihre kleine Tochter Angelina Joel in der 18. Schwangerschaftswoche zu den Sternen hatte gehen lassen müssen und ebenfalls nicht bekleiden hatte können, eine genauso engagierte Mitstreiterin gefunden. Wir beide merkten schnell: Das sind unsere Kinder, die uns da treiben. Und wir tun etwas für sie. Für uns. Und für alle Sternenkinder, die nach ihnen kommen.

Unter der Schirmherrschaft der Schmetterlings-Initiative, die dem Verein Frauenworte e.V. zugeordnet ist und vor mehr als zehn Jahren von der ebenfalls als Sternenkindermutter betroffenen Monika Liebner gegründet wurde, ist die Klinikaktion in Gange gekommen.

Unser Ziel ist es, so viele Kliniken in Deutschland wie möglich mit kleinen Klinikboxen auszustatten, in denen wir Kleidung für Kinder ab 100g anbieten. Also von der 15. bis zu 30. Schwangerschaftswoche, denn danach passen meist schon normale Babykleider und eine Beschaffung ist leichter und schneller umsetzbar. Doch für alle Eltern, deren Kinder kleiner still geboren werden oder direkt nach der Geburt sterben, ist das Bekleiden dieser Babys nach wie vor oft nicht möglich.

Wir trugen unser Anliegen in diverse Handarbeitsforen. Denn uns war klar: Wir brauchen auch Hilfe von außen.

Die Reaktionen waren mehr als unterschiedlich. Von vielen Seiten kam Unverständnis und Ablehnung. Für tote Kinder stricken oder nähen? Das lohnt sich doch nicht! (wie kann es sich nicht lohnen für ein Baby zu nähen oder zu stricken, fragten wir uns da - mussten aber jede Entscheidung natürlich tolerieren, auch wenn unsere Mutterherzen bluteten).

Manche Menschen fanden die Idee gut, gaben aber zu, nicht für uns arbeiten zu können. Die Vorstellung “gruselte” sie einfach zu sehr, was man absolut tolerieren muss.

Doch es kamen auch andere Reaktionen. Viele Menschen waren fassungslos ob der Tatsache, dass die Zustände für uns betroffene Eltern derart schlecht sind. Die meisten nahmen an, dass die Entbindungsstationen den Eltern Kleidung zur Verfügung stellten. Doch diese haben das einfach nicht im Etat, abgesehen davon gibt es sehr wenig Kleidung, die überhaupt für derart kleine Wesen “praktikabel” ist. Viele Frauen, die meisten selbst Mütter, fühlten sich mitten ins Herz getroffen.

Und innerhalb weniger Tage summten zahlreiche deutsche Nähmaschinen für unsere Sternenkinder, Nadeln klapperten und Wolle wurde verarbeitet.

Doch immer noch haben wir viel zu wenig Mithelferinnen, um unsere Aktion am Laufen zu halten. Um auch nur einen Bruchteil aller deutschen Kliniken zu versorgen. Wir brauchen jede helfende Hand!

Inzwischen sind die ersten Klinikboxen verschickt worden. Und die ersten Sternenkinder haben ihren letzten Weg in jenen Kleidchen angetreten, die liebevolle Hände voller Trauer und doch Trost für sie gearbeitet haben.

 

Wir brauchen immer noch viel, viel Hilfe, um den Sternenkindern weiterhin einen würdigen Abschied zu ermöglichen. Jede helfende Hand ist uns Gold wert!

Weitere Infos unter

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